Writing in Progress! Achtung, derzeit schreibe ich noch an diesem Beitrag. Das ist also nicht die finale Version.
Ich habe mir eine Schreibmaschine gekauft. Eine Olympia SM2, hergestellt 1951 in Wilhelmshaven. Und wie bei vielen anderen Themen mit denen ich mich zu beschäftigen beginne, existiert auch für Schreibmaschinen ein komplettes Paralleluniversum und mich überkommt das mir schon vertraute „late-to-the-party“ Gefühl.
Hier schreibe ich einerseits Dinge auf, die für dich als Schreibmaschinen-Newbie vielleicht interessant sind. Oder du bist ein Schreibmaschinen-Nerd, hast dich hierher verlaufen und möchtest nun aber Informationen ergänzen, korrigieren oder revidieren. Bitte tu das!
Ich aktualisiere diesen Beitrag ab und zu. Die neusten Updates stehen ganz unten.
Wie alles begann
Es begann, wie so vieles, beim Lesen. In Florian Illies’ 1913. Im Kapitel „Januar“ beschreibt Illies den langsam eskalierenden Streit zwischen Sigmund Freud und C. G. Jung. Jung wirft Freud vor, seine Schüler wie Patienten zu behandeln und sich selbst als Vaterfigur zu inszenieren. Freud trifft dieser intellektuelle Vatermord schwer. Er schlägt vor, ihre privaten Beziehungen zu beenden. Jung nimmt das an — in einem handgeschriebenen Brief, den er allerdings mit einem einzigen, maschinengeschriebenen Satz beschließt:
„Der Rest ist Schweigen.“
Dieser Move hatte Stil! Und ich mochte Freud ohnehin nie besonders.1 Aber diesen maschinengeschriebenen Schlusssatz unter einer organischen Handschrift kann ich mir einfach zu gut vorstellen!
Tja, und der Rest war … nun ja, absehbar. Oder zumindest vorprogrammiert. Ich wollte auch per Schreibmaschine kommunizieren. Mit mir, mit anderen — völlig egal. Aber hatte Lust auf diesen besonderen Tastenanschlag, nach dem Geräusch der Typen auf dem Papier.
Also begann die Recherche. Und sie lehrte mich schnell zwei Dinge: Erstens gibt es nicht die Schreibmaschine, sondern ein komplettes Paralleluniversum aus Modellen, Marken und Baujahren. Zweitens ist das hier kein Gadget, das man im Jahr 2025 einfach in den Warenkorb legt, wo es Ersatzteile, Bewertungen und Overnight-Express gibt. Soll es eine neue (also wirklich neue) sein? Oder eine alte? Woran erkennt man den Zustand? Gibt es überhaupt noch Farbbänder? Kurze Antwort: KEINE AHNUNG.
Zumindest am Anfang nicht.
Natürlich gibt es eine große Community und — wie sollte es anders sein — unzählige YouTube-Videos. Nach einigem Hin und Her beschloss ich, eine gebrauchte Maschine zu kaufen, am besten in der Nähe, sodass ich sie einmal selbst anschauen konnte. Und so landete ich schließlich bei der bereits erwähnten Olympia SM2.
Maschine Nummer 1 stand keine fünf Kilometer entfernt. Traumhaft — dachte ich. Doch einige Typen sprangen nicht richtig zurück, und ich hatte keine Ahnung, ob das ein Tropfen Öl lösen kann oder ob man als Anfänger lieber die Finger davon lässt. Ich entschied mich für Letzteres.
Maschine Nummer 2 gehörte der Schwiegermutter eines älteren Paares. Mir wurde versichert, dass sie sehr an dieser Maschine gehangen habe und sie nur „in liebe Hände“ abgegeben werden solle. Alles wirkte gepflegt, sogar ein Farbband war noch eingelegt. Einziger Haken: Der Koffer schließt nicht mehr richtig. Reisen wird also spannend. (Als ob.)
Kaum war die Maschine da… Es ist schlicht unmöglich, vor diesem Ding zu stehen und nicht darauf herumzutippen. Das ging mir als Kind schon, selbst mit „Dekoschreibmaschinen“. Selbst mein fast Siebenjähriger stand halb neben, saß halb auf mir und fragte im Minutentakt: „Darf ich auch mal??“ So eine Maschine übt eine ganz eigene, seltsame Faszination aus — sogar bevor man überhaupt den ersten Buchstaben getippt hat.
Erste Einsichten oder: Ein kleiner Schritt (rückwärts) für die Menschheit, ein großer Schritt vorwärts für mich.
Schon bei ersten Schreibversuchen habe ich schnell gemerkt: Es ist etwas anderes, mit einer Schreibmaschine zu schreiben.
Spannend war für mich aber, dass ich mich diesem „Anderen“ und für mich durchaus „Neuen“ von einer anderen als der üblichen Seite näherte. Also nicht vorwärts in die nächste Mediengeneration wie in den späten 1800er Jahren, als viele vom handschriftlichen Schreiben auf die Schreibmaschine umstiegen, sondern rückwärts in eine, die ich eigentlich nie erlebt habe.
Und da musste ich sofort an Axel Krommers Beitrag denken:
„Wie ein Common-Sense-Medienbegriff zu pädagogischen Fehlschlüssen führt“
Darin beschreibt Krommer, dass ein neues Medium nicht einfach nur ein neues Werkzeug ist, und dass es durchaus relevant ist, ob eine Geschichte durch den Kanal der Handschrift oder durch den Kanal einer Schreibmaschine auf Papier oder der Computerschrift auf den Bildschirm transportiert wird.
Ein anderes Medium bedeutet nicht nur eine andere Form der Darstellung. Der Wechsel des Schreibmediums hat Auswirkungen auf das Schreibprodukt. Das neue Medium beeinflusst, mitunter tiefgehend die Art, wie wir denken und was wir überhaupt denken können. Es ist eine paradigmatische Veränderung.
Auf die Idee, ist Krommer natürlich nicht als erstes gekommen.
„Sie haben Recht: unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken. Wann werde ich es über meine Finger bringen, einen langen Satz zu drücken!“(Nietzsche)
Das bedeutet im Kern: Das Medium beeinflusst unser Denken. Die Form prägt die Gedanken, nicht nur die Gedanken die Form.
Was Krommer beschreibt, ist allerdings der Weg nach vorn: von der Handschrift zur Maschine zur Digitalität. Ich habe gewissermaßen den Rückweg erfahren. Eine Art medientechnische Zeitreise — nur rückwärts.
Vom Computer kommend (denn 99% meiner schriftlichen Kommunikation geschieht über einen Laptop oder ein Smartphone) entdecke ich gerade die Andersartigkeit des Schreibens mit einer Schreibmaschine.
Über die Andersartigkeit des Denkens
Was auf jedenfall anders ist, ist das alles langsamer wird. Ich überlege länger bevor ich schreibe. Das ist aber auch anders als bei der Handschrift wo das überlegen währenddessen passiert. Und anders als am PC wo ich nicht überlegen muss, da ich alles revidieren kann udn die Autokorrektur Fehler ausgleicht.
Dem Langsameren werden einerseits viele Nachteile zugeschrieben. Viele kreative Schreibmethoden beabsichtigen den inneren Redakteur zum Schweigen und die Hände ins Schreiben zu bringen damit man nicht beim ersten Satz schon anfängt zu korrigieren. Die Gedanken sind dann schon 3 Sätze weiter und verlaufen sich im Nirgendwo oder bleiben stehen, während man noch weiter vorne ein Komma setzt oder einen Tippfehler korrigiert.
Für mich hat es gerade Vorteile da ich mich länger mit einen Gedanken beschäftigen muss, länger mit ihnen alleine sein und mich länger konzentrieren muss. Vieles was ich heute schreibe tippe ich sehr schnell, manchmal nebenbei oder ich spreche es irgendwo ein (Sprachmemo oder -nachricht) oft während ich irgendwo stehe oder hingehe, also auch nebenbei.
Das was moderne Tastaturen oder gar Touchscreens zu überbrücken versuchen, der Abstand zwischen unseren Gedanken und dem niedergeschriebenen Wort verlängert die Maschine gefühlt wieder. Schafft Distanz. Lässt die Gedanken länger im Kopf.
Darüber hinaus ist es eine fast kindliche Freude zu sehen wie dort auf dem Papier Buchstaben entstehen.
Ausserdem fühlt sich das Schreiben an wie etwas Handwerkliches. Aus dem Geschriebenem wird (fast) etwas Haptisches das echten Raum beansprucht. Der Buchstabe auf dem Papier ist wirklich da, unwiderruflich und kein Licht auf einem Screen das verschwindet sobald der Bildschirm erlischt.
Updates
02.12.2025 – Die Holländer haben sich gemeldet und sagen sie können meine Walze reparieren! Ich überlege jetzt noch eine zweite Walze dazuzukaufen (natürlich auch nicht neu) um die Zeit zu überbrücken bis die reparierte wieder da ist. Normale Lieferzeit 3-4 Wochen, plus 2 in der Weihnachtszeit. Wenn die dann wieder da ist kann ich die zweite auch gleich verschicken und habe dann eine Reserve.
29.11.2025 – Walze ausgehärtet, kann für ungleiche Buchstaben sorgen, neue Walzen gibts nicht, alternaitve neue Gummis. Zwei anbieter gefunden UK (Brexit Zoll!) und Italien . Bei Badulais nachgefragt und Holländer empfohlen bekommen.
01.12.2025 – Immer zwei Blätter einlegen (macht man beim Drucker ja auch nicht) aber das scheint wohl ein Standard zu sein
29.11.2025 – Irgendwie ist das E nicht ganz sauber unten. (Foto einbauen
- Ich musste als Lehramtsstudent einmal in Rostock sehr umständlich auf die andere Warnowseite fahren, um in der Psychologie-Bibliothek ein Freud-Buch über „Hysterie bei Frauen“ zu finden — nur um The Yellow Wallpaper von Poe besser oder überhaupt deuten zu können. Fazit: Ich habe nichts verstanden. Im Studium galt: Wer Sekundärliteratur liest, hat sein Leben oder zumindest sein Studium nicht im Griff. Also musste es Freud persönlich sein. Ich hatte allerdings nie das Gefühl, dass er — wie so viele Geisteswissenschaftler — überhaupt verstanden werden wollte. ↩︎


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