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Liebeserklärung an die Dunkelheit

Warum ich die „dunkle Jahreszeit“ mag

Immer wenn es Herbst wird und die „dunkle Jahreszeit“ anbricht, gibt es diese Gespräche. Fast automatisch. Dann geht es um die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit, darum, dass es „schon wieder so früh dunkel“ wird. Ich begegne dabei gefühlt mehr Menschen, die sich darüber beschweren – und nur sehr wenigen, die sich wirklich darüber freuen.

Ich kann das verstehen. Wenn es früher dunkel wird, bringt das einiges durcheinander. Unser Tag-Nacht-Rhythmus – der zirkadiane Rhythmus – gerät aus dem Takt. Vielen fehlt das Tageslicht, das drückt auf die Stimmung. Viele sind tagsüber müder, schlafen nachts schlechter, bis zu echten Schlafstörungen. Es werden die Tageslichtlampen aufgestellt. Dazu kommt, dass draußen alles dunkler ist und wir plötzlich auf andere Dinge achten müssen: helle (und warme) Kleidung, Licht am Fahrrad, …

Ich kann das gut verstehen und empfinde das mitunter auch so. Und gleichzeitig geht es mir ein bisschen anders.

Ich kann mich daran erinnern, dass ich diese „dunkle Jahreszeit“ schon immer mochte. Nicht nur im Sinne von: Es ist okay, es geht schon irgendwie. Sondern eher so, dass ich mich jedes Jahr ein kleines bisschen freue, wenn es langsam losgeht. Natürlich ist die dunkle Jahreszeit stark mit Advent, Weihnachten, Kerzen und Lichterketten verknüpft. Insbesondere in der Kindheit. Das mag auch dazu beitragen, dass ich diese Zeit als harmonisch und ruhig abgespeichert habe. Aber das allein erklärt es nicht.

Ich war auch unabhängig davon schon immer gern im Dunkeln unterwegs.

Als Kind habe ich Kalle Blomquist gelesen. In dieser Phase bin ich nachts tatsächlich rausgeschlichen – mit Notizbuch und Taschenlampe (😍) – und habe mich in die Hecke der Nachbarn gelegt, um die Nachbarschaft zu beobachten. Kalle Blomquist nennt das „Nachbarschaftswache“, und in seinen Geschichten passieren dabei die wildesten Dinge.

Bei mir passierte meistens: nichts. Mitunter kam nicht einmal ein Auto vorbei, weil ich in einer Sackgasse gewohnt habe. Dafür aber die eine oder andere Katze.

Und trotzdem war es für mich spannend. Einfach, weil es dunkel war und ich alleine in dieser Dunkelheit.

Mittlerweile liege ich nachts nicht mehr im Gebüsch, sondern im Bett. Dafür sind andere Dinge dazugekommen. Dinge, die man nur in der dunklen Jahreszeit erlebt. Zum Beispiel „echte“ Sonnenaufgänge. Nicht dieses „ich stehe auf und es dämmert schon“, sondern ich gehe oder fahre im Dunkeln los und erlebe, wie die Sonne tatsächlich aufgeht. Wer morgens einen Arbeitsweg hat oder ein Kind zur Schule begleitet, kennt das vielleicht: Man fährt im Dunkeln los und kommt an, während es langsam hell wird.

Ich finde das unglaublich schön. Es fühlt sich an, als würde ich dabei sein, wenn die Stadt aufwacht. „Einer der wacht“ (s.o.).

Natürlich sind da draußen schon Menschen, Autos, Busse. Ich bin nicht der Erste, der wach ist, während alle anderen noch schlafen. Aber dieses Gefühl entsteht trotzdem – fast wie ein gemeinsames Wachwerden.

Wo kein Licht, da kein Schatten

Mir ist irgendwann aufgefallen – das klingt jetzt vielleicht etwas poetisch, ich bitte das zu entschuldigen – Licht ist ein Element, das Unterschiede sichtbar(er) macht. Licht erzeugt Schatten. Je mehr Licht, desto mehr Kontrast. Desto deutlicher werden Unterschiede – zwischen hell und dunkel, zwischen Formen, zwischen auffällig und unauffällig und mitunter auch zwischen schön und hässlich, was auch immer unter die eine oder die andere Kategorie fallen mag.

Dunkelheit tut das Gegenteil. Sie vereinheitlicht. Es heißt zwar:

„Nachts sind alle Katzen grau.“

Das wird oft nicht in einem positiven Kontext verwendet. Anders klingt es wenn ich sage.

„Nachts ist alles gleich(mäßiger).“

Scharfe Kanten verschwinden. Unterschiede treten zurück. Die Dunkelheit als „großer Gleichmacher“. Ich weiß, dass diese Bezeichnung auch für den Tod verwendet wird, darum geht es mir hier aber nicht im geringsten.

Dunkelheit ist für mich fast immer etwas Beruhigendes. Wie eine Decke, in die ich eingehüllt bin, aus der ich herausgucke während ich gehe oder mit dem Fahrrad fahre. Ähnlich geht es mir mit Nebel. Auch so ein Element, das weicher macht, Licht dämpft und Kontraste abmildert. Morgen- aber gerne auch Abenddämmerung und Nebel zusammen sind für mich deshalb der Inbegriff von Harmonie (siehe Titelbild!). Aber auch die reine Dunkelheit hatte für mich schon immer etwas Tröstliches.

Natürlich hatte ich als Kind auch Angst vor z.B. dunklen Kellern. Ich will nicht sagen, dass ich der Dunkelheit geboren wurde. Aber heute ist es so, dass ich die dunkle Jahreszeit nicht nur akzeptiere, sondern sie wirklich mag. Vielleicht gerade wegen des Kontrasts zum Sommer. Zu diesem ständigen Hellsein, zu dieser permanenten Helligkeit, die in unseren Breiten natürlich trotzdem immer relativ ist.

Unterschiede spüren.

Auch wenn mir der Gedanke der alles gleich(er) machenden Dunkelheit gefällt, gibt es in der dunklen Jahreszeit dennoch Kontraste, die ich mag. In dieser Zeit sehe und spüre ich Unterschiede deutlicher.

Unterschiede sehen…

Dunkelheit dreht meine Wahrnehmung um. Nachts ist weniger zu sehen als am Tag. Weniger Details, weniger Reize, weniger Dinge, auf die ich achten muss. Gerade dadurch werden die wenigen Lichtquellen umso prägnanter: Straßenlaternen, Fenster, Scheinwerfer. Sie ziehen meine Aufmerksamkeit an, lenken sie.

Die Lichter in der Dunkelheit sind für mich wie ein Textmarker auf der Realität. Wie ein Filter, der Komplexität reduziert.

Unterschiede fühlen…

Und ja, in dieser Zeit ist es oft nass und kalt. Das sind nicht gerade die Attribute, die ich mit Gemütlichkeit assoziiere. Und dennoch hat sie für mich mitunter etwas Belebendes, trägt sie manchmal dazu bei, mich lebendig(er) zu fühlen.

Ich habe mir angewöhnt, morgens, gleich nach dem Aufstehen kurz nach draußen zu gehen und ein paar Mal tief durchzuatmen. Im Winter ist die Luft manchmal sehr kalt, fast schneidend. Und genau das macht etwas mit mir. Diese kalte Luft macht den Unterschied spürbar zwischen dem, was ich bin, und dem, was draußen ist. Zwischen innen und außen. Zwischen ich und nicht ich. Ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Spannenderweise ist das ein Unterschied den ich in dieser dunklen Jahreszeit begrüße.

Aber das ist schon wieder andere Geschichte.

Wenn ich also merke, dass es wieder früher dunkel wird, denke ich nicht zuerst daran was mir ab sofort alles fehlen wird. Ich denke an wohlige Dunkelheit. An Stille. An Gleichmäßigkeit. Und daran, dass diese Jahreszeit eine ganz eigene Qualität hat, die wir leicht übersehen, wenn wir sie jedes Jahr nur beklagen.

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